Interessengemeinschaft fordert transparente Diskussion über Nutzen, Größe und Auswirkungen des Projekts „Im Scharz – Bei Hundsborn“

Die Interessengemeinschaft (IG) gegen den geplanten XXL-Solarpark in Morscheid sieht ihre wesentlichen Kritikpunkte auch nach dem jüngsten Austausch mit Verbandsbürgermeister Hoffmann und seiner Verwaltung immer noch als ungeklärt an. Aktuell hat sie einen Appell an den Gemeinderat Morscheid gerichtet, und diesen aufgefordert, das Projekt nochmals auf den Prüfstrand zu stellen.

Die Hauptkritikpunkte der IG im Überblick:

Sorge um Landschaft und Lebensqualität

Ein zentraler Kritikpunkt ist aus Sicht der Interessengemeinschaft die geplante Größe und Lage der Anlage. Das Gebiet befindet sich in einer exponierten Hanglage im Ruwertal und ist daher weithin sichtbar. Die mit 25ha geplante Anlage wird das Landschaftsbild nachhaltig und massiv verändern und sich negativ auf die Lebensqualität sowie auf die Bedeutung der Region als Naherholungsgebiet auswirken. Die Auswirkungen auf das Landschaftsbild sowie insbesondere auf die angrenzenden Orte Korlingen und Gutweiler sieht die IG Bebauungs-planverfahren nicht ausreichend berücksichtigt.

Fehlerhafte Ausgangsdaten bei der Ermittlung des künftigen Strombedarfs

Besonders kritisch bewertet die Interessengemeinschaft Fehler bei der Flächenausweisung im Rahmen der 6. Änderung des Flächennutzungsplans:

Die Verwaltung hat mittlerweile eingeräumt, dass bei der Ermittlung des künftigen Strombedarfs fehlerhafte Werte verwendet wurden, die durchschnittlich um 9,5 Prozent zu hoch lagen, hält dies jedoch nicht für entscheidend. Die IG kommt auf Grundlage des Klimaschutzkonzepts der VG Ruwer zu dem Ergebnis, dass rund 75 Hektar Modulfläche in der gesamten VG ausreichend sind um den Strombedarf der Verbandsgemeinde zu decken, während der Flächennutzungsplan insgesamt 117 Hektar ausweist. Nach Ansicht der IG entsteht damit – je nach Berechnungsmodell – ein Eigenversorgungsgrad von bis zu 357 Prozent. Ob bewusst deutlich mehr Fläche ausgewiesen wurde, als für die Versorgung der Verbandsgemeinde erforderlich wäre und ob der Verbandsgemeinderat sich beim Beschluss der Flächennutzungsplanänderung darüber überhaupt bewusst war wird vom VG-Bürgermeister und seiner Verwaltung ausweichend beantwortet.

Welchen Nutzen hat die Region?

Auch die Frage, wer letztlich vom erzeugten Strom profitiert, beschäftigt die IG. Nach den ihr vorliegenden Informationen soll der Strom über langfristige Vermarktungsverträge verkauft und in das öffentliche Netz eingespeist werden. Nach Kenntnis der IG sind an dem Projekt die Firmen WI Energy und WES Green beteiligt, eine Tochtergesellschaft der Enovos Renewables GmbH und damit Teil der Encevo S.A. – eine luxemburgische Energieholding.

Die Interessengemeinschaft vermisst deshalb konkrete Aussagen darüber, welchen direkten Nutzen die Bürgerinnen und Bürger sowie die Region von dem Projekt haben. Ursprünglich diskutierte Ziele wie Bürgerstrom oder eine unmittelbare regionale Wertschöpfung seien zuletzt nicht mehr erkennbar gewesen. Die IG fordert daher mehr Transparenz darüber, wer wirtschaftlich von der Anlage profitiert und ob die Verbandsgemeinde, die Ortsgemeinde Morscheid und die Bürgerinnen und Bürger des Ruwertals auch davon profitieren. Insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Stromproduktion, die den bilanziellen Eigenbedarf der Verbandsgemeinde deutlich übersteigt, stelle sich die Frage, ob hier tatsächlich noch die regionale Energieversorgung oder vielmehr der privatwirtschaftliche Nutzen einiger weniger Grundstückeigentümer im Vordergrund steht.

Kritik an Planung und Standortauswahl

Nach Auffassung der Interessengemeinschaft wurden mögliche Alternativen zu der großflächigen Anlage auf landwirtschaftlich genutzten Flächen nicht ausreichend geprüft. Dazu zählen beispielsweise Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden, Brachflächen oder Parkplatzflächen. Auch die Auswirkungen auf Natur und Artenschutz sieht die IG kritisch. Sie befürchtet, dass durch die Anlage und die dafür notwendige Infrastruktur Lebensräume beeinträchtigt werden. In diesem Zusammenhang blieben auch die Fragen unbeantwortet, warum ausgerechnet diese auf einem Nordhang gelegene Fläche in Morscheid erst zu einem späteren Zeitpunkt im Flächennutzungsplanverfahren durch Aufhebung des ursprünglichen Ausschlusskriteriums (Hanglage) und trotz ihrer Lage im landwirtschaftlichen, touristischen und klimatischen Vorranggebiet letztlich doch in den Flächenpool aufgenommen wurde und auf wessen Initiative hin dies geschah.

Fragen zu Klima, Wasser und Starkregen

Weitere offene Punkte sieht die Interessengemeinschaft bei möglichen Auswirkungen auf das lokale Klima und den Wasserhaushalt. Aufgrund der Hanglage müsse insbesondere untersucht werden, welche Folgen Starkregen, Oberflächenabfluss und mögliche Bodenerosion haben könnten. Die IG fordert außerdem Klarheit darüber, wer für mögliche Schäden verantwortlich ist. Der geplante Standort liegt in einem Vorbehaltsgebiet, das für die Entstehung und den Abfluss von Kaltluft von Bedeutung ist. Die großflächige Überbauung mit Photovoltaikmodulen könnte nach Auffassung der IG insbesondere an heißen Sommertagen Auswirkungen auf die lokale Wärmeentwicklung und das Kleinklima haben. Deshalb sollte der Standort und die Erwärmung der Modulflächen sowie deren Auswirkungen auf die Kaltluftentstehung und den Kaltluftabfluss und das Kleinklima fachlich nachvollziehbar untersucht und bewertet werden.

Auch Fragen zu möglichen Blendungen, Reflexionen und Geräuschen durch technische Anlagen seien aus Sicht der IG noch nicht ausreichend beantwortet.

IG fordert offene politische Diskussion

Ralf Arthkamp, Sprecher der Interessengemeinschaft, erklärt: „Wir stellen uns nicht gegen die Energiewende und auch nicht gegen Photovoltaik. Aber gerade bei einem Projekt dieser Größenordnung muss die Frage erlaubt sein, ob die Eingriffe in Landschaft, Natur und möglicherweise auch das lokale Klima tatsächlich in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen stehen.“
Es fehle aber offenbar der politische Wille, die Planung für Morscheid vor dem Hintergrund der aufgezeigten Fragen erneut zu diskutieren. Statt einer offenen politischen Debatte werde an der bestehenden Beschlusslage festgehalten, obwohl aus Sicht der IG weiterhin wesentliche Fragen zur Strombedarfsermittlung, zur notwendigen Größe der Flächenausweisung und zu den Auswirkungen auf Landschaft, Klima und Bevölkerung offen seien.
Die Interessengemeinschaft fordert eine bedarfsgerechte, transparente und nachvollziehbare Planung sowie einen offenen politischen Diskurs über die Ziele und Folgen großflächiger Photovoltaikanlagen im Ruwertal.

Für Oktober wird mit einer Gemeinderatssitzung in Morscheid gerechnet. Dabei soll über die mehr als 200 Einwände aus der frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit zum Bebauungsplan „Im Scharz – Bei Hundsborn“ beraten und beschlossen werden.

Das Bild zeigt den Blick von der Korlinger Höhe, Startpunkt Traumschleife über Gutweiler zur geplanten FFPV-Anlage in Morscheid.
Die PV-Fläche ist eine vereinfachte schematisierte Darstellung ohne Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit.